Mainz-Hechtsheim, Elisabeth-Selbert-Straße

100 Jahre Frauenwahlrecht – „Wir sind noch nicht am Ziel“

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Vor 100 Jahren, bei der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung am 19. Januar 1919, durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und gewählt werden. „Das war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung, hart erkämpft und gegen viele Widerstände durchgesetzt“, meint Tatiana Herda Muñoz, Ortsvortsteher-Kandidatin der SPD in Mainz-Hechtsheim. „Aber war die Gleichberechtigung erreicht, als Frauen wählen durften und als im Februar 1919 Marie Juchacz für die SPD als erste Frau in einem deutschen Parlament das Wort ergriff? Wohl kaum. War sie erreicht, als Elisabeth Selbert als Vertreterin der SPD im Parlamentarischen Rat 1948 und 1949 für das Grundgesetz den großartigen und keine Zweifel offen lassenden Artikel 3, Absatz 2 ‚Männer und Frauen sind gleichberechtigt‘ formulierte? Immer noch nicht. Vieles hat sich verbessert, aber es bleibt noch viel zu tun.“

Viele Frauen erlebten auch heute im Alltag und im Beruf Ungerechtigkeiten, so Herda Muñoz. „Das Recht schafft die Basis für Gleichberechtigung. Aber in der Lebenswirklichkeit sind wir alle gefragt. Denn oft handelt es sich um eine strukturelle Diskriminierung, derer sich Männer, aber auch Frauen nicht unbedingt bewusst sind. Wir sind in einer Kultur sozialisiert, die Männer privilegierter behandelt als Frauen. Dass wir uns dessen zunächst einmal bewusst werden, und gemeinsam für mehr Gleichberechtigung eintreten und nicht als zwei Parteien, die sich gegenüber stehen, ist mir sehr wichtig. Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, dass alle Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, dass alle Menschen den gleichen Schutz vor Gewalt genießen. Das Recht muss gelebt werden, von jeder und jedem Einzelnen, in Mainz-Hechtsheim und überall.“

Dieses Recht müsse gegen den Versuch, die Zeit zurück zu drehen, verteidigt werden, ergänzte das Vorstandsmitglied der Hechtsheimer SPD, Klaus Euteneuer. „Wer die Vergangenheit, wer die Wirklichkeit früherer Jahrzehnte als Vorbild beschwört, der will Ungleichheit und Ungerechtigkeit“, so Euteneuer. „Noch in den 1950er Jahren, lange nach der Verabschiedung des Grundgesetzes, durften Ehemänner die Arbeitsplätze ihrer Frauen auch gegen deren Willen kündigen, waren Ehefrauen zur Führung des Haushalts verpflichtet, entschied allerdings der Mann in Streitfällen etwa bei der Kindererziehung allein. Das alles scheint weit weg. Und doch wünschen sich manche in der Politik in diese Zeit zurück. Dagegen habe ich etwas.“

Das Foto zeigt das Schild der Elisabeth-Selbert-Straße in Mainz-Hechtsheim. Elisabeth Selbert war eine Juristin und SPD-Politikerin, die 1948/49 dem Parlamentarischen Rat angehörte. Sie hat den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz formuliert: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.